Buchtipp im september

acht berge

Roman von  Paolo Cognetti

 

Eine unerschütterliche Freundschaft. Ein Aufbruch ins Ungewisse. Die Sehnsucht nach Heimat

 

Wagemutig erkunden Pietro und Bruno als Kinder die verlassenen Häuser des Bergdorfs, streifen an endlosen Sommertagen durch schattige Täler, folgen dem Wildbach bis zu seiner Quelle. Als Männer schlagen die Freunde verschiedene Wege ein. Der eine wird sein Heimatdorf nie verlassen, der andere zieht als Dokumentarfilmer in die Welt hinaus. Doch immer wieder kehrt Pietro in die Berge zurück, zu diesem Dasein in Stille, Ausdauer und Maßhalten. Er ringt mit Bruno um die Frage, welcher Weg der richtige ist. Stadt oder Land? Gehen oder Bleiben? Was zählt wirklich im Leben?


Vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse des Monte-Rosa-Massivs schildert Paolo Cognetti mit poetischer Kraft die lebenslange Suche zweier Freunde nach dem Glück. Eine eindringliche archaische Geschichte über die Unbezwingbarkeit der Natur und des Schicksals, über das Leben, die Liebe und den Tod.

 

LESEPROBE:

 

Es war ein alter Nepalese, der mir kurz darauf von den acht Bergen erzählte. Er trug eine Ladung Hühner auf den Mount Everest, zu irgendeiner Schutzhütte, wo sie zu Hühnercurry für Touristen verarbeitet werden sollten. Auf dem Rücken hatte er einen Käfig mit ungefähr zwölf Fächern, in denen lebende Hühner krakeelten. [....]
Während er verschnaufte, unterhielten wir uns ein wenig. Er stammte aus einer Region, in der ich auch schon gewesen war, was ihn erstaunte. Er merkte, dass ich nicht nur kurz zum Bergsteigen hier war, denn ich brachte sogar den einen oder anderen Satz auf Nepali zustande. Da wollte er wissen, wieso ich mich so für den Himalaja interessiere - eine Frage, die ich ihm leicht beantworten konnte. Ich erzählte ihm, dass es dort, wo ich aufgewachsen war, ebenfalls Berge gebe, denen ich mich eng verbunden fühlte. Sie hätten den Wunsch in mir geweckt, die schönsten und exotischsten überhaupt zu sehen.

 

"Aha", sagte er. "Verstehe. Du reist also zu den acht Bergen."
"Welche acht Berge?"
Der Mann hob einen Stock auf, mit dem er einen Kreis auf den Boden zeichnete. Er wurde perfekt, anscheinend hatte er Übung darin. Dann zog er eine Achse hindurch und senkrecht dazu noch eine, anschließend eine dritte und vierte, bis ein Rad mit acht Speichen entstanden war. Ich wäre für diese Zeichnung vermutlich von einem Kreuz ausgegangen, aber es war typisch asiatisch, mit einem Kreis zu beginnen.
"Hast du dieses Symbol schon mal gesehen?" fragte er.
"Ja", erwiderte ich. "In Mandalas."
"Genau", sagte er. "Für uns ist der Mittelpunkt der Welt ein sehr hoher Berg, der Sumeru, der wiederum von acht Bergen und acht Meeren umgeben ist. Das ist unsere Vorstellung von der Welt."
Währenddessen zeichnete er außerhalb des Rades hinter jede Speiche eine kleine Spitze und zwischen diese Spitzen eine kleine Welle: acht Berge und acht Meere. Zum Schluss malte er eine Krone in die Mitte des Rads, die aber genauso gut der verschneite Gipfel des Sumeru sein konnte. Kopfschüttelnd musterte er sein Werk, als hätte er diese Zeichnung schon tausendmal gemacht, wäre jetzt aber ein wenig aus der Übung. Dann zeigte er mit dem Stock auf die Mitte und sagte: "Bei uns heißt es immer: Wer hat mehr gelernt? Derjenige, der alle acht Berge gesehen, oder derjenige, der den Gipfel des Sumeru bestiegen hat?"
Der Hühnerträger sah mich an und lächelte. Ich auch, weil mir die Geschichte gefiel und ich sie zu verstehen glaubte. Er verwischte die Zeichnung mit der Hand, doch ich wusste, dass ich sie nie mehr vergessen würde.

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

Originaltitel: Le otto montagne

Originalverlag: Giulio Einaudi Editore

 Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten
Verlag: DVA

 

 

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